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Tanja Spill: "Ich konnte mich immer auf meine Qualität im Schlussspurt verlassen."

Aktualisiert: 27. Apr. 2021

Tanja Spill ist eine dieser Athletinnen, die mit vielen Rückschlägen in ihrer Karriere zu kämpfen haben. Trotzdem hat sie niemals aufgegeben und ihre Ziele immer weiter verfolgt. Welche das sind und warum es bei ihr nicht immer reibungslos verlief, erzählt sie uns im nun folgenden Interview:

Tanja, du wurdest vor kurzem deutsche Hallenmeisterin über 800 m. Woher kommt diese Leidenschaft fürs Laufen?



Tanja Spill Laufen
Ihr Olympiatraum lebt: Tanja Spill

Ich glaube, das kam durch meine Eltern. Die sind halt auch sehr viel gelaufen, haben auch öfter am Marathon teilgenommen. So kam es, dass ich sie mit dem Fahrrad, oder auf Inlinern begleitete. Ich wollte dann auch immer mal mitlaufen und irgendwann haben sie mich auch mitgenommen, als ich alt genug war. Es wurde mir also durch sie in die Wiege gelegt.


Waren deine Eltern denn auch Profisportler?


Nein, sie sind nur Hobbyläufer und suchen den Ausgleich zum Alltag. Irgendwann stand bei ihnen das Ziel, einen Marathon zu laufen. Es kamen dann aber nach und nach immer mehr dazu.



Bist du denn mittlerweile auch schon einen Marathon gelaufen?


Nein, meine längste Strecke bisher war Halbmarathon, aber auch nur im Training. Die längste Strecke in einem Wettkampf waren 10 km, aber das auch eher just for fun und nicht wirklich ernst.


2001 war bei dir der Start in die Leichtathletik, du bist aber erst später zum Laufen gekommen. In welchen Disziplinen hast du deine Karriere begonnen?


In der Leichtathletik ist es so, dass im Kinderalter alle Bereiche abgedeckt werden, also Sprint, Sprung und Wurf. Zum Laufen bin ich erst zum Ende des Schüleralters, Anfang der Jugend, gewechselt. Unsere Vereinsstruktur war aber auch so aufgebaut, dass man zum Anfang wirklich alle Disziplinen mitmacht und dadurch die Grundlagen aufbaut, gerade auch im Bereich „Koordinative Fähigkeiten“. Ich bin dann 2009 zu meinem jetzigen Trainer gewechselt und seit dem im Laufbereich unterwegs.


Wie heißt dein Trainer?


Ich arbeite mittlerweile mit 2 Trainern. Willi Jungbluth ist für den Laufbereich zuständig und Peter Kurowski für alles, was mit Athletik, Kraft und Sprints zu tun hat.


Du wurdest 2011 deutsche Jugendmeisterin über 1500 m Hindernis mit einem unglaublichen Endspurt. Ungefähr 300 m vor dem Ziel warst du auf dem 2. Platz und ca. 30 m hinter der Führenden. Am Ende hast du sie noch abgefangen und gewonnen. In vielen späteren Rennen war es ähnlich. Woher nimmst du diese Power zum Ende eines Rennens?



Tanja Spill Hindernis Laufen
Tanja Spill beim Hindernislauf

Das war tatsächlich erst mein zweites Hindernisrennen. Wir haben uns vorher die Liste der Starterinnen angeschaut und ich hätte mir dort niemals einen Titel ausgerechnet. Ich sollte mich unter den ersten 3 bis 5 Plätzen aufhalten und dann halt von Runde zu Runde schauen, wie ich ins Rennen hineinfinde und sich alles entwickelt. Ich wusste, dass ich zum Ende hin spurten kann. Im Jugendalter ist es auch noch möglich, am Ende so extrem anzutreten, da die Rennen noch nicht so schnell sind. Mir kam dann der Gedanke: „Ok, es sind noch 300 m, jetzt sprinte einfach mal los“. Dass ich am Ende wirklich vorne lag, konnte ich selbst nicht so ganz glauben. Irgendwie hat es in der Jugend bei vielen Rennen geklappt und ich konnte mich immer auf meine Qualität im Schlussspurt verlassen.


Woher weißt du, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um den Schlussspurt anzuziehen? Sprintest du zu früh los, geht dir am Ende die Puste aus. Woher nimmst du das Gespür?


In der Jugend war man da noch naiv und ist einfach drauf losgerannt. Irgendwie kam man schon ins Ziel. Heute bespreche ich mich vorher mit meinem Trainer, wir schauen uns die Gegnerinnen an, bei welcher Geschwindigkeit kann ich am Ende noch wieviel im Sprint zulegen? Da setzen wir uns einen eigenen Plan. Klar kann es sein, dass so ein Sprint auch mal schief geht und man am Ende noch überholt wird. Aber meist ist man so im Tunnel, das man, wenn man den Sprint einmal angesetzt hat, bis zum Ende durchzieht. Mit etwas Glück hält man es dann bis ins Ziel. Es ist schwer zu sagen, ab welchem Moment das geht. Je nach Rennen suchen wir uns vorher einen Punkt aus und wenn das Rennen bis dahin perfekt läuft, dann nimmt man einfach diese positive Energie mit und versucht, den Schlussspurt anzusetzen.


Vor kurzem war die Hallen-EM im polnischen Torun. Du bist dort bis ins Halbfinale gekommen, wurdest am Ende 13. Was mir dort auffiel, waren bei vielen Läuferinnen durchweg bessere Zeiten in den Vorläufen, als dann später im Finale. Woran lag das? Normalerweise ist es eher andersrum.


Es war eine klassische Meisterschaft, diese laufen meist sehr unterschiedlich ab. Dadurch, dass es 3 Rennen an aufeinanderfolgenden Tagen gab, ist die Quälität der Rennen niedriger als normal. Keiner hielt sich mehr an irgendwelche Zeitlimits. Es geht bei Meisterschaften halt primär um‘s Gewinnen, die Zeiten sind nebensächlich. Zudem gab es sehr unterschiedliche Rennverläufe. Von daher sind diese Zeiten wenig aussagekräftig und nicht vergleichbar.


Trotzdem eine sehr respektable Leistung von dir. Es lief bei dir aber nicht immer ganz rund. Du hattest schon mehrfach Probleme mit dem Sprunggelenk, musstest immer wieder pausieren. Es gibt einen Blogeintrag von dir, in welchem du davon berichtest und auch einiges in Frage stellst. Wenn man ihn liest hat man das Gefühl, als ob da einiges raus musste. Was hat dich motiviert nach Rückschlägen immer wieder zurückzukommen?


Tatsächlich liegt das an meinem Umfeld. Es haben mir immer alle Mut zugesprochen. Ich habe aber auch meine eigenen Vorstellungen und Ziele, hatte immer das Ziel Olympia, wollte bei Welt- oder Europameisterschaften die deutschen Farben vertreten. Dadurch war meine Motivation immer da gewesen, aber auch durch die Leute in meinem Umfeld, die immer wieder gesagt haben „Du schaffst es zurück, wir finden den richtigen Weg“. Dadurch hat man nie aufgegeben. Hätte ich solch ein Team nicht um mich, wäre es schwierig geworden. Wir haben hier aber eine super Konstellation in Dormagen, ich komme mit allen super klar. Ich habe hier ein Netzwerk an Leuten, mit denen ich super arbeiten kann. Dadurch kommt die Motivation immer wieder zurück.

Tanja Spill Laufen Kämpfernatur
Eine echte Kämpfernatur: Tanja Spill


2016 hast du knapp die Olympianorm verpasst. Wie ist der aktuelle Stand bei dir und wie stehen die Chancen für dieses Jahr?


Ich würde behaupten, recht gut, auch aufgrund meiner Leistung in der Hallensaison. Ich bin auf einem Level, dass ich vorher nicht hatte. Demnach bin ich sehr optimistisch, auch im Sommer noch gute Rennen abliefern zu können. Dadurch, dass man sich bei uns aktuell über zwei Wege qualifizieren kann, entweder direkt über die Zeit (1:59,50 Min.), oder über die Weltrangliste, habe ich das Gefühl, mich mit einigen guten Rennen in der Weltrangliste so positionieren zu können, dass es am Ende für Olympia reicht, wenn alles nach Plan läuft.


Welchen Platz müsstest du dafür erreichen?


Platz 48, aktuell bin ich auf Platz 99. Da fließen aber auch noch schlechtere Rennen aus 2019 mit ein. Deshalb würde ich mit einigen guten Rennen im Sommer ziemlich schnell große Sprünge machen. Vor der Hallensaison lag ich auf Platz 196 und bin durch nur 2 gute Rennen auf Platz 99 vorgestoßen. Demnach könnte es durch einige weitere gute Rennen klappen mit meinem Traum.


Dafür drücken wir auf jeden Fall die Daumen.


Danke.


Deine persönliche Bestleistung liegt bei 2:01,63 Min., dein Ziel ist es, unter 2 Minuten zu laufen. 1,63 Sekunden sind aber, wie man so schön sagt, „eine Welt“. Wie realistisch schätzt du dieses Ziel ein?


Ich bin mittlerweile auf einem besseren Level und meine Bestzeit ist schon sehr alt. Seitdem bin ich sowohl körperlich, als auch mental deutlich reifer geworden. Ich habe schon das Gefühl, dass es möglich ist. Ich konnte in der Vergangenheit nicht immer zeigen, was eigentlich in mir steckt. Auch jetzt in der Hallensaison haben viele gesagt, dass ich nicht mein Leistungsmaximum zeige und dass auch zeitlich deutlich mehr ginge. Diesen Schwung nehme ich mit und hoffe, es im Sommer dann einfach zeigen zu können. Wenn an einem Tag mal alles zusammenkommt ist es durchaus möglich, aber da muss dann wirklich vieles stimmen: äußere Bedingungen, der Rennverlauf, das Renntempo. Mit ein wenig Glück halte ich es durchaus für möglich, schon in diesem Sommer unter 2 Minuten zu laufen.


Am besten natürlich bei Olympia.


(lächelt) Das wäre natürlich am schönsten, ja!


Ein Leitspruch von dir lautet „I´m creating the life of my dreams and nobody can stop me.“ Was genau meinst du damit?


Mein Ziel ist es einfach, mich von niemandem stoppen zu lassen. Ich möchte selber entscheiden, wie mein Weg aussieht und lasse mich auch nicht wirklich davon abhalten. Es haben mich schon viele gefragt: „Hey, wie schaffst du es, dich immer wieder zu motivieren und an deinem Weg festzuhalten?“ Ich mach es halt einfach und ich mach es so, wie ich denke, dass es richtig ist. Auf diese Weise erschaffe ich mir meine eigene Welt und kann sagen: „Das ist mein perfekter Weg und wenn ich diesen Weg einschlage, dann habe ich mein Bestes gegeben und alles versucht.“ Damit kann man mir hinterher keine Vorwürfe machen. Ich möchte am Ende sagen können, dass ich immer versucht habe, dass Beste aus jeder Situation rauszuholen. Wir haben auch immer probiert, neue Wege zu gehen, beispielsweise habe ich mir selber Laufschuhe zu Spikes umgebaut, damit ich besser trainieren kann und mein Fuß die Belastung besser aushält. Ich kreiere es mir einfach so, dass es passt.


Kommen wir nun zu unserer Abschlussfrage. Wenn du einen Wunsch für die Menschheit, oder den gesamten Planeten frei hättest: Welcher wäre das und warum?


Definitiv Gesundheit! Ich habe in der Vergangenheit selber gespürt, dass die Gesundheit oberste Priorität hat. Jeder Mensch muss letztendlich mit seinem Körper ein ganzes Leben auskommen. Deshalb hat Gesundheit den höchsten Stellenwert. Als ich so lange mit meinem Fuß zu kämpfen hatte, habe ich mir auch immer gesagt, dass ich eine gewisse körperliche Grenze nicht überschreite. Wenn es irgendwann nicht mehr geht, dann muss man es akzeptieren. Man kann versuchen, einen möglichen Weg zu finden um den Sport weiter zu betreiben, aber ich muss auch in 20, 30 oder 70 Jahren noch mit meinem Körper und meinem Fuß leben können. Deshalb ist Gesundheit für jeden Einzelnen, aber auch der Punkt, sich um keinen im eigenen Umfeld Sorgen machen zu müssen, das höchste Gut.


Wir vom Sport-Talk, werden ihren Weg Richtung Olympia auf jeden Fall gespannt verfolgen und wünschen natürlich, dass es mit einer Zeit unter 2 Minuten klappt. Aber vor allem wünschen wir ihr eines: Gesundheit für die nächsten 70 Jahre!

Und somit schließt sich unser Interviewbuch für heute. Man liest sich…


Fotos (soweit bekannt): Footcorner, Fabian Hüllhorst, Marci Merkel

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