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Natalie Solbach-Schmidt: "Man muss wirklich brennen für den Sport."

Eines vorab: Natalie Solbach-Schmidt hatte eine Menge zu erzählen. Die Rallye Co-Pilotin hat einiges erlebt und man merkte ihr in jedem einzelnen Satz ihre Leidenschaft für den Motorsport an. Sie gab uns tiefe Einblicke in den Sport und ihre Karriere, aber auch ihr Privatleben. Selbst gestandene Motorsportfreaks dürften noch einige bisher unbekannte Dinge erfahren. Es kommen auch berühmte Namen im Interview vor, also freut euch drauf.

Da es bis jetzt das mit Abstand längste Interview war, werden wir es euch in 3 Teilen präsentieren. Hier nun also Teil 1:


Hallo Natalie, hast du Benzin im Blut?


Ja, definitiv. Sonst könnte man diesen Sport in der Art und Weise, sowie in dieser Intensität nicht betreiben. Man muss wirklich brennen für den Sport.



Natalie Solbach-Schmidt Rallye Skoda Fabia
Immer an der physikalischen Grenze unterwegs: Natalie und ihr Fahrer im Skoda Fabia

Wie hat alles bei dir angefangen?


Eher untypisch. Ich komme aus einer Familie, die überhaupt nichts mit Motorsport zu tun hat, auch im Freundeskreis und dem näheren Umfeld eigentlich keiner. Man hat natürlich früher Michael Schumacher beobachtet, wie er seine Runden dreht und fand das immer spannend. Ich wusste aber nicht, wie man dort überhaupt hinkommt und anfängt. Zum Rallyesport kam ich dann durch meinen damaligen Job. Ich hab bei einem ADAC Fahrsicherheitszentrum als Bürokraft gearbeitet. Dabei ging es um die Planung des Geländes, sowie Eventveranstaltungen. Eines Tages kam die Anfrage eines Herrn, der unser Gelände für die Veranstaltung einer Oldtimerrallye mieten wollte. Das fand ich total spannend und habe den Tag mit begleitet. Ich kam mit dem Herrn ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass es sich um Peter Göbel handelt, der früher ein bekannter Beifahrer war und als Co-Pilot mit Matthias Kahle (Anm. d. Red.: u.a. 7-facher deutscher Rallyemeister) zusammenfuhr. Ich hab mich dann bei ihm erkundigt wie das so funktioniert. Ich war ja zu dem Zeitpunkt bereits Anfang 20 und wusste natürlich, dass viele im Kartsport bereits im Kleinkindalter starten. Ich dachte ich wäre bereits viel zu alt und wusste nicht, wie ich den Einstieg in den Sport finden sollte. Durch die Infos von Peter Göbel und einschlägige Internetseiten, landete ich dann bei einer Organisation, welche Beifahrerlehrgänge für Rallyepiloten anbot. Also fuhr ich 6 Stunden Richtung Osten und habe an einem dieser Lehrgänge teilgenommen. Es machte mir so viel Spaß, dass für mich feststand „Das will ich machen“. Ein paar Monate später meldete ich mich für einen Lizenzlehrgang in Oschersleben und habe 3 Tage bei diesem Lehrgang verbracht. Ich lernte dort die Basics: Was hat man für Aufgaben, was muss man genau machen, wie funktioniert dieser Sport, welche Regeln gibt es? Es war unterteilt in Theorie und Praxis und am Ende dieser 3 Tage hielt ich einen Zettel in der Hand, der mich berechtigte eine nationale Motorsport Lizenz zu beantragen. Einige Zeit später lag diese dann in meinem Briefkasten. Mir stellte sich dann die Frage, wie es nun weitergeht und was ich als nächsten Schritt zu tun habe. Ich fuhr dann nach Bochum, zu einer Firma die sich um Motorsportausstattung kümmert. Ich kaufte mir dort alles was man für den Einstieg an Equipment braucht und war dann bereit um Motorsport zu betreiben.

Natalie Solbach-Schmidt Rallye Skoda Fabia
Auch bei solch einem Ausblick, liegt Natalies Fokus auf der Strecke.


Du sprachst die Lizenz an. Gibt es denn eine Co-Piloten Lizenz oder musstest du eine ganz normale Fahrerlizenz erwerben?


Es wird nicht zwischen Fahrer- und Beifahrerlizenz unterschieden, weil ich auch automatisch als Fahrer gewertet werde. Mit meiner aktuellen „Internationale C-Lizenz“, könnte ich beispielsweise auch als Fahrerin auf dem Nürburgring unterwegs sein, obwohl ich ja dem Rallyesport angehöre.


Also könntest du dort auch am 24h-Rennen teilnehmen?


(lacht) Also das geht leider nicht. Dafür brauchst du noch eine Zusatzlizenz und musst Erfahrungen bei bestimmten Rennen vorweisen. Erst dann bist du berechtigt an diesem Rennen teilzunehmen. Da gibt es schon gewisse Vorgaben die zu beachten sind, denn es ist ja nicht irgendein Rennen. Es gibt andere Regeln und du musst natürlich den Kurs der Nordschleife kennen.


Die Strecke ist natürlich auch nicht ohne, allein schon von der Länge.


Ja auf jeden Fall. Wenn man nur mal im Internet nach „Touristenfahrten Nordschleife“ sucht, findet man so einige, die keine ganze Runde schaffen. Es ist eine sehr anspruchsvolle Rennstrecke, aber für mich grundsätzlich kein Thema. Mich reizt es nicht dort im Rahmen einer Rennsportveranstaltung zu fahren.

Natalie Solbach-Schmidt Rallye Skoda Fabia Qualm Drift
Natalie und ihr Fahrer lassen es ordentlich qualmen.


Zurück zu den Anfängen: Du hattest deine Lizenz und warst komplett eingekleidet. Wie geht es dann weiter und wie findet man dann einen Fahrer?


Und genau das war mein Problem. Ich war im März fertig und dachte „Ich bin bereit, wo sind die Fahrer“? Dadurch, dass ich noch keine Kontakte in den Motorsport hatte, war es für mich schwierig jemanden zu finden der sagt „Das Mädel nehme ich mit“. Ich hatte ja null Erfahrung, bis auf 3 Tage Lehrgang und meine Lizenz. Ich habe dann in bekannten Portalen Anzeigen aufgegeben und Leute angeschrieben, die Co-Piloten suchten. Es gibt dann natürlich auch Situationen, dass dir ein Fahrer klar sagt „Ich nehme dich nicht mit, du bist Anfänger“. Das war für mich eine schwierige Zeit, da ich mich durchkämpfen musste. Auch Familie und Freunde hatten Bedenken und verstanden nicht, warum ich so viel Geld und Zeit investiere. Man war der Meinung es wäre nichts für mich und ich solle etwas anderes machen. Ich habe also durchaus Gegenwehr bekommen aus dem Bekanntenkreis, aber habe es immer weiter probiert und Leute angeschrieben. Irgendwann meldete sich jemand auf meine Nachricht und sagte „Wir probieren das. Ich gebe auch Anfängern die Chance“.

Es gibt im Rallyesport verschiedene Veranstaltungsarten, in denen man unterschiedlich viele Prüfungskilometer absolviert (zwischen 35 und 350 km über mehrere Tage und Etappen) und dieser Fahrer wollte eine große Veranstaltung über 130 Prüfungskilometer fahren. Es kam also einiges auf mich zu, sei es das Regelwerk, eine mehrtägige Veranstaltung, ein Serviceteam welches zu vorgegebenen Zeiten an dem Rallye-Auto schraubt…

Das musste ich alles koordinieren. Ich wusste aber, wenn ich mich mit allem auseinandersetze, das entsprechende Reglement und die Veranstalterausschreibung lese, dann wird das schon irgendwie passen. Also sammelte ich alle Informationen, die ich benötigte und erstellte mir meinen eigenen „Rallyeguide“, also eine Infomappe mit allen wichtigen Punkten und Zeiten. Ich fühlte mich gut vorbereitet und meine erste Veranstaltung war dann 2010 die „Wartburg-Rallye“ bei Eisenach. Dort bin ich dann zum ersten Mal in einem Seat Ibiza gefahren.


Wie hieß denn der Pilot, der so furchtlos war und dir als Anfängerin die Chance gab?


(lacht) Das war Lars Uhlmann. Ich bin aber nur einmal mit ihm gefahren. Er suchte jemanden für genau diese eine Veranstaltung. Es war natürlich sehr aufregend, leider sind wir aber technisch ausgefallen. Für mich war ja aber alles neu, alles war spannend, dieses Gefühl ein Teil des Ganzen zu sein…

Ich habe danach auch viel positives Feedback erhalten, auch vom Fahrer und dem Team, die überrascht waren, wie gut ich vorbereitet war als Anfängerin. Sie meinten „Man merkt, dass du es willst und dass du dahinterstehst“. Für mich war dann klar, wenn ich mich weiter anstrenge, dann schaffe ich es und kann auch mit unterschiedlichen Fahrern erfolgreich sein.

Durch meine fehlenden Kontakte zu Beginn der Karriere, bin ich in meinem ersten Jahr bei 6 Veranstaltungen mit 5 unterschiedlichen Fahrern gefahren. Viele hatten kein Verständnis und fragten sich, wieso ich das mache. Sie waren der Meinung, ich bräuchte einen festen Fahrer für die ganze Saison. Aber diese Chance hatte ich ja nicht. Kaum jemand will mit einer Anfängerin eine ganze Saison planen. Also hab ich immer wieder neu nach Fahrern gesucht und wurde einmal auch vermittelt von jemandem der meinte „Die ist gut, die kannst du mitnehmen“. So habe ich mir nach und nach ein Netzwerk aufgebaut. Im Nachhinein muss ich sagen, war es für mich die beste Lösung es so zu machen, denn mein Vorteil ist, mich ganz schnell auf einen neuen Fahrer einstellen zu können. Jeder Fahrer hat bestimmte Ticks und Eigenheiten, oder Wünsche und Bedürfnisse, was das Vorlesen angeht. Dadurch, dass ich von Anfang an viele unterschiedliche Fahrer hatte, war es für mich kein Problem, mich auf jemand anderen einzustellen. Das ist natürlich ein Vorteil. Wenn jemand jahrelang mit dem gleichen Piloten unterwegs war und sich dann in ein anderes Cockpit setzt, kann es sein, dass er gar nicht mit dem Stil des Fahrers klarkommt und es dann Probleme gibt. Ich hatte das nicht, weil ich flexibel war. Ich kann mich innerhalb kürzester Zeit auf einen neuen Fahrer einstellen und das ist mein Vorteil.

Natalie Solbach-Schmidt Rallye Skoda Fabia Curvy
Geradeaus kann jeder!


Damit hast du die nächste Frage schon komplett beantwortet. Diese hätte nämlich genau in diese Kerbe gezielt, wie man es in der Kürze der Zeit schafft, sich auf immer wieder wechselnde Piloten einzustellen.


Es gehört natürlich auch Training dazu. Nicht jeder Fahrer ist auch offen dafür. Ich habe seit ich Co-Pilotin bin natürlich auch versucht, einen oder mehrere feste Fahrer für eine ganze Saison zu haben, einfach auch, damit man aufeinander aufbauen kann und die gemeinsame Arbeit Früchte trägt. Ich bin sehr viele Veranstaltungen gefahren, weil ich schon versuchte einen Hauptfahrer zu haben, aber auch noch einen Zweit- oder Drittfahrer, (schmunzelt) denn mir haben 6 Veranstaltungen im Jahr nicht ausgereicht. Ich hatte einen Fahrer der eine Meisterschaft mit 6 Läufen fuhr, aber ich sagte „Mensch das reicht mir nicht. Ich will noch mehr fahren“. So begab ich mich auf die Suche nach zusätzlichen Fahrern und habe dann mit den Terminen jongliert. Der feste Fahrer hatte natürlich Vorrang, alles andere baute ich drum herum. Das Jahr mit den meisten Veranstaltungen in verschiedenen Rennserien, war 2015. Ich fuhr in Deutschland die Citroën Racing-Trophy mit einem jungen Nachwuchsfahrer, parallel den ADAC Opel Rallye-Cup mit einem Nachwuchsfahrer und dann noch ein paar Veranstaltungen im Ausland.


Also warst du schon damals schwer beschäftigt in Sachen Rallyesport.


Auf jeden Fall. Ich brenne halt für den Sport, ich mag die Konstellation zwischen Fahrer und Beifahrer. Da muss großes Vertrauen herrschen. Ich muss ihm vertrauen, dass er so fährt wie ich es ihm ansage und er muss mir vertrauen, dass ich zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Ansagen mache und auch das Drumherum beherrsche. Der Erfolg stellte sich dann irgendwann ein und ich bekam Anfragen. Die Situation zum Anfang der Rallye Laufbahn, dass ich bei Piloten anfragen musste, die gibt es nicht mehr. Da gibt es Fahrer, die mit jemandem fahren wollen der internationale Erfahrung hat, der eine Ausschreibung auch in einer Fremdsprache bearbeiten kann, auch wenn ich nicht alle Sprachen beherrsche. Mit Fleiß und Ehrgeiz funktioniert es.

Natalie Solbach-Schmidt Rallye Tunnel Nacht Skoda Fabia
Nachtaktiv!


Ich merke, du bist sehr redefreudig.

(lacht) Entschuldigung. Das ist meine Natur, wenn ich über meinen Sport spreche.




Und da dem so ist, kommt da noch einiges hinterher. Freut euch also schon jetzt auf Teil 2 und 3. To be continued...


Fotos: Jan Fronek, Mario Leonelli

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