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  • Alex

Lennart Moser: "Ich gebe immer alles, um später nichts zu bereuen."



Lennart Moser mit drei Worten zu beschreiben ist einfach: Ehrgeizig, authentisch, offen. Aufgewachsen im Berliner Südosten, wurde ihm seine Karriere als Torwart quasi in die Wiege gelegt. Im Interview mit uns berichtet der Fußballtorwart von seinen sportlichen Anfängen, schwierigen Situationen, echten Kacktoren und noch vielem mehr. Viel Spaß beim Lesen!


Hallo Lennart. Erzähl uns doch bitte kurz, wie du zum Sport kamst?


Angefangen hat eigentlich alles durch meinen Papa, der damals beim Grünauer BC (Anm. d. Redaktion: Ein Amateurfußballverein im Südosten Berlins) gespielt hat. Er war auch Torhüter, deshalb kam für mich nie eine andere Sportart und auch keine andere Position in Frage. Ich fing mit 3 Jahren beim Grünauer BC an, aber musste schon immer mit älteren Kindern zusammenspielen, da es keine Jugendmannschaft für diese Altersstufe gab. Ich stand also bei Fünf-, Sechsjährigen im Tor und man hat mich dort auch nie mehr rausbekommen. Bis zum zehnten Lebensjahr stand ich in Grünau im Tor und landete anschließend in der Jugend des 1. FC Union Berlin.

Fußball Jugend Torwart Lennart Moser Grünauer BC
Auch in jungen Jahren schon mit super Flugtechnik. Foto: Malte Pabst

Wie hast du diesen Sprung denn geschafft und was hat dir das damals bedeutet?


Es stand ein Schulwechsel nach der sechsten Klasse an und ich wollte auf die Flatow-Oberschule (Anm. d. Red.: Eliteschule des Sports und Kooperationspartner des 1. FC Union Berlin) gehen. Also dachte ich mir, es wäre ganz sinnvoll, es mal bei Union zu versuchen, um bessere Chancen für den Schulwechsel zu haben. Über Umwege hat es dann auch funktioniert. Ich war zu einem Feriencamp angemeldet, aber wurde vorher krank. Nach einem erfolgreichen Probetraining wurde ich dann doch angenommen. Ich kam also mit zehn Jahren zu Union und mit zwölf Jahren auf die Flatow-Oberschule. Ich kann mich auch noch gut an Gespräche meiner Mutter mit dem damaligen Jugendleiter Lutz Munack erinnern. Er meinte zu ihr, dass nicht mal 1% der Jugendspieler den Sprung in die 1. oder 2. Bundesliga schaffen. Sie wollte natürlich, dass ich mich auf die Schule konzentriere, da es viel zu unwahrscheinlich schien, dass ich mal Profi würde. Ich war damals aber schon so drauf, dass ich mir sagte, wenn es andere schaffen, dann schaffe ich das auch.* Das war immer meine Motivation und das ist bis heute so. Wenn ich spiele, dann möchte ich immer alles geben, um später nichts zu bereuen.


*Dazu eine kurze Anekdote seiner Mama: Lennart war ca. 10 Jahre alt und schaute ein Spiel seines damaligen Lieblingsvereins Werder Bremen. Dann guckte er zu mir und sagte: „Mama, du sagst doch immer, dass man nicht Profi werden kann, aber gucke doch mal, die da, die haben es doch auch geschafft, warum soll ich es dann nicht auch schaffen.“ Sein Berufswunsch war viele Jahre: „Ich werde Torwart bei Werder Bremen!“

Lennart Moser Fußball Torwart Jugend Union Berlin
Lennart im Alter von zehn Jahren. Foto: Sylwester Spiewak

Du hast deinen Vater bereits erwähnt. Er hat selber viele Jahre in Berlins Amateurligen im Tor gestanden. War er auch dein größter Mentor?


Nein, das würde ich nicht sagen. Natürlich hat er mir immer Tipps gegeben oder auch Kritik geäußert. Rückblickend hat er mir aber immer so viel Freiraum gelassen, dass ich alles allein entscheiden konnte.


Welche sportlichen Vorbilder hattest du in deiner Kindheit?


Richtige Vorbilder hatte ich nicht, aber ich war früher schon Werder Bremen-Fan und fand deshalb Tim Wiese gut. Oliver Kahn fand ich aber auch ganz cool. Die beiden würde ich nennen. Komische Kombi, aber es war so.


Du hast bei Union dann später den Sprung zu den Profis geschafft, hattest als Torhüter Nummer drei aber keine Spielzeit. Wie bist du damit umgegangen?


Es ist ja normal, dass du dich erstmal hintenanstellen musst, wenn du deinen ersten Profivertrag unterschreibst. So war es bei mir dann ja auch. Ich wollte aber schon immer mehr. Wir waren damals in der 2. Liga und in meinem ersten Jahr war ich häufiger auf der Bank und habe mir Einsätze erhofft. Wir stiegen dann in die 1. Bundesliga auf und dort war ich dann die Nummer drei hinter Rafal Gikiewicz und Jacob Busk. Es wurde dann von mir auch klar angesprochen, dass ich verliehen werden möchte, da ich einfach spielen wollte. Es war für mich eine blöde, aber auch sehr lehrreiche Situation als Nummer drei. Ich lernte in dieser Zeit auch viel über meinen Körper.

Union Berlin Lennart Moser Jubel Jugendturnier
Lennart bei einem Jugendturnier mit dem 1. FC Union Berlin. Foto: Sylwester Spiewak

Inwiefern?


Ich war in diesem Jahr relativ häufig verletzt, hatte immer wieder kleinere Blessuren, wie Muskelfaserrisse, Zerrungen etc. Ich habe auch damals schon sehr auf meine Ernährung geachtet, aber habe zu dieser Zeit viel Fleisch gegessen. Das war meine Hauptproteinquelle. Nach dem Jahr habe ich meine Ernährung umgestellt und ernähre mich seitdem pescetarisch. Ich hatte seitdem keine Beschwerden mehr. Muskelfaserrisse und Zerrungen blieben danach komplett aus.


Du wurdest anschließend mehrmals verliehen. Wie war diese Zeit für dich?


Ich war mir immer bewusst, dass ich ausgeliehen werden möchte. So kam es letztlich, wenn auch etwas chaotisch, zur ersten Leihe zu Energie Cottbus. Ich war schon eine Woche in Cottbus, dachte alles sei fix, als der Anruf von Oliver Ruhnert (Anm. d. Red.: Geschäftsführer Profifußball und Leiter der Lizenzspielerabteilung bei Union Berlin) kam. Er sagte mir, ich solle wieder zurückkommen, die Leihe klappt nicht. Da war ich natürlich bedient. Ich saß eine Woche zu Hause und wusste nicht, was nun los ist. Ich hatte keinen Bock mehr auf irgendwas, weil ich dachte, ich müsse nun als Nummer drei bei Union bleiben. Ich weiß nicht, was für Gedankenspiele seitens der Verantwortlichen dort abliefen, aber letzten Endes hat es ja dann doch geklappt. So hat meine erste Leihe angefangen. Etwas hektisch, aber zum Glück erfolgreich.


Gab es denn bei deinen Leihen mehrere Anfragen und hattest du als Spieler auch ein Mitspracherecht?


Lennart Moser Austria Klagenfurt Torwart Goalkeeper
Lennart im Trikot von Austria Klagenfurt. Foto: qspictures.net

Auf jeden Fall. Union Berlin legte mir keine Steine in den Weg und bei meiner ersten Leihe gab es mehrere Anfragen anderer Vereine. Meinem Berater war es wichtig, dass ich bei einer Leihe auch regelmäßig spiele. So ging er in die Details mit den Vereinen und ich landete bei Energie Cottbus. Nach einem halben Jahr ging es anschließend zu Cercle Brügge. Sie leisteten für mich sogar eine Kompensationszahlung an Cottbus, um mich aus meinem Leihvertrag mit Energie zu bekommen. Nach Saisonende blieb ich bis zur nächsten Winterpause bei Union Berlin, danach wurde ich nach Österreich verliehen, zu Austria Klagenfurt. Mein Berater hat einen sehr guten Kontakt zum Geschäftsführer von Klagenfurt. Er meinte zu mir, dass der Verein in dieser Situation nebensächlich sei. Es ging nur darum, das nächste halbe Jahr zu überbrücken und möglichst viel Spielpraxis zu sammeln. Mein Ziel war es immer, und das sage ich noch heute, die Nummer eins bei Union zu werden. Es war mein größter Traum und auch der Grund, warum ich mich immer wieder verleihen ließ, und auch auf mögliche höhere Gehälter verzichtete.


Du hast das Thema Gehälter angesprochen. Gab es denn in deiner Zeit bei Union auch Vereine, die dich fest verpflichten wollten und bei denen du dann weniger verdient hättest als bei Union?


Es gab eigentlich nur eine Mannschaft, die mich wirklich haben wollte, und das war der HSV (Anm. d. Red.: Hamburger Sportverein). Nach meiner Leihe bei Cercle Brügge wollte mich Dunajska Streda (Anm. d. Red.: slowakischer Fußballclub der 1. Liga) verpflichten, aber das scheiterte an zu hohen Forderungen seitens Union Berlin.


Was man bei dir immer wieder heraushört, ist dein großer Ehrgeiz. Warst du schon immer so ein ehrgeiziger Typ oder hat sich das im Laufe deiner Karriere erst entwickelt?


Ich glaube, da kann man alle meine Kumpels fragen, ich war schon immer derjenige, der den größten Willen hatte, der auf Vieles verzichtet hat, auf seine Ernährung geachtet hat und es immer ein Stück mehr wollte, als andere Kinder in der Jugend, die vielleicht auch den Traum hatten Fußballprofi zu werden. Wenn ich mir meine Zeit in der Jugend bei Union Berlin anschaue, dann haben es auch nur die zwei wirklich geschafft, die am meisten investiert haben. Es war schon immer in mir.


Hast du denn heute noch viele Kontakte zu Union Berlin oder zu ehemaligen Mitspielern?


Also direkten Kontakt eher nicht. Ich habe aber ab und zu Kontakt zum Torwarttrainer von Union, der mich fragt, wie es mir geht und wie es läuft. Über Instagram verfolgt man sich unter den Spielern natürlich, aber direkten Kontakt und Freundschaften pflege ich nur noch zu Mitspielern aus Klagenfurt.


Du bist mittlerweile in Belgien Stammtorhüter beim KAS Eupen. Wie fühlt sich das an, endlich die Nummer eins bei einem Verein zu sein, bei dem du festes Mitglied und nicht nur Leihspieler bist? Bist du jetzt richtig angekommen?


Lennart Moser Torwart KAS Eupen Gelbes Trikot
Lennart im Trikot von KAS Eupen. Foto: David Hagemann / KAS Eupen

Als Leihspieler war ich in Cottbus und Brügge bereits die Nummer eins. Es hat sich normal angefühlt, auch mit dem Hintergedanken bei Union die Nummer eins werden zu wollen. Aber klar, die jetzige Situation ist natürlich nochmal etwas anderes. Ich habe noch nicht viele Spiele bestritten, aber ich merke, wie wohl ich mich hier bereits fühle. Ich bin gut angekommen und habe den Eindruck, die Fans und der Verein mögen mich. Ich komme mit allen Mitarbeitern und Teamkollegen gut klar. Es ist eigentlich ein super Gefühl, aber ich habe einen hohen Anspruch an mich. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, hier auf diesem Niveau zu spielen, aber es ist nicht mein Endziel. Ich möchte noch sehr viel höher spielen und dafür gebe ich jeden Tag alles. Ich ruhe mich keinesfalls darauf aus, nun irgendwo die Nummer eins zu sein, sondern möchte noch mehr erreichen.


Du hattest bereits in Brügge und nun auch in Eupen mit Bernd Storck einen deutschen Trainer. (Anm. d. Red.: Bernd Storck wurde am 22.10.2022 gekündigt.) Er ist ein sehr erfahrener Mann und war unter anderem als Nationaltrainer in mehreren Ländern tätig. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm? Kannst du von ihm Dinge lernen, die dir andere Trainer nicht vermitteln können?


Lennart Moser Cercle Brügge Torwart Jubel
Mit Brügge den Abstieg verhindert: Lennart Moser (links) Foto: PhotoNews/Cercle Brugge.be

Ich bin Bernd allgemein sehr dankbar. Er war ja auch der Trainer, der mich damals von Cottbus aus der 4. Liga zu Brügge in die 1. Liga holte. Dass er mich jetzt, trotz größerer Verletzung in Klagenfurt, nach Eupen geholt hat und weiter auf mich baut, ist wirklich Wahnsinn. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Das ist auch einer der Gründe, warum ich immer alles geben werde für ihn. Ich würde aber nicht behaupten, dass ich von ihm mehr lerne als von anderen Trainern. Wir wissen aber, was wir aneinander haben. Er freut sich einen deutschen Torwart zu haben und ich freue mich, mit einem deutschen Trainer arbeiten zu können. Dementsprechend ist unsere Kommunikation sehr offen und ehrlich.


Mal Butter bei die Fische: Was war das größte Kacktor, das du in deiner Karriere bekommen hast?


Größtes Kacktor? Definitiv eines in der C-Jugend! An dieses Tor werde ich mich immer erinnern. Es kommt ein ganz langsamer Kullerball Richtung Tor, den ich einfach ins Toraus rollen lassen wollte. Als Keeper hast du ja ein Gespür dafür, ob ein Ball ins Tor geht oder daneben. Der Ball rollte dann jedoch ganz langsam ins Tor und alle schauten mich verwundert an. Ich war am Boden zerstört und fragte mich wie ich nicht merken konnte, dass das Tor zwei Meter zur Seite verschoben war. Es war einfach nicht korrekt aufgestellt. Das war das größte Kacktor meiner Jugend.

Das größte Kacktor im Profibereich kassierte ich in Klagenfurt. Ich spielte einem Gegner einen Pass genau auf den Fuß und dieser schoss dann ins Tor.


Und welches war der schönste Moment bisher als Sportler?


Wenn man die Einzelleistung betrachtet, dann mein Spiel gegen die Bayern im DFB-Pokal (Anm. d. Red.: Energie Cottbus verlor am 12.08.2019 mit 1:3 gegen Bayern München, Lennart wurde nach dem Spiel als „Man of the Match“ ausgezeichnet). Das war der schönste Moment und auch ein bisschen mein Türöffner in den Profibereich. Der schönste Moment in Gänze betrachtet war sicher der verhinderte Abstieg mit Cercle Brügge in der Saison 2019/20. Wir hatten sechs Spieltage vor Saisonende neun Punkte Rückstand zum rettenden Ufer. Wir gewannen noch vier Spiele, ich hielt in drei Spielen die Null und am Ende schafften wir den Klassenerhalt. Das war mein sportlich schönster Moment.

Lennart Moser Bayern München Robert Lewandowski
Lennart im Spiel gegen Bayern München. Foto: ARD Fotogalerie

Wenn du einen Wunsch frei hättest für die Menschheit oder den gesamten Planeten: Welcher wäre das und warum?


(überlegt sehr lange) Ich würde mir für jeden Menschen wünschen, dass er sein volles Potential ausschöpfen kann, sowohl physisch als auch mental. Es ist sehr interessant zu wissen, was alles mit dem eigenen Körper möglich ist und was man aus ihm herausholen kann. Jeder sollte erfahren, wozu man selber fähig ist und dass man nicht immer den einfachen, sondern auch mal den schweren Weg geht.


Vielen Dank lieber Lennart für dieses tolle Interview mit spannenden Einblicken.


Solltet ihr Gefallen am Interview gefunden haben, dann schaut doch gerne auch bei unseren anderen Interviews rein mit nicht weniger spannenderen Gästen. Und wenn ihr mögt, dann berichtet gerne anderen davon, empfehlt uns weiter und lasst uns etwas Liebe da.


Fotos: David Hagemann/KAS Eupen, qspictures.net, PhotoNews/Cercle Brugge.be, Sylwester Spiewak, Malte Pabst, ARD Fotogalerie

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