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Marlene Bojer & Michelle Zimmer: "Es fehlt die Anerkennung für unseren Sport."

Aktualisiert: 27. Apr 2021

Heute im Interview zu Gast: Marlene Bojer, 28 Jahre, aus München und Michelle Zimmer, 24 Jahre, aus Berlin. Beide zählen zu den besten Synchronschwimmerinnen in Deutschland und schwimmen erst seit einigen Monaten im Duett. Welches gemeinsame Ziel sie verfolgen, wie ihr Trainingsalltag aussieht und was sie von Männern in ihrem Sport halten, lest ihr auf den nun folgenden Seiten:



Marlene Bojer Michelle Zimmer Synchronschwimmen 3 m Brett
Marlene & Michelle (v. l. n. r.) Foto: Barbara Liegl

Hallo ihr beiden. Wie fing bei euch alles an? Startet man zuerst klassisch in einem Schwimmverein oder legt man direkt mit Synchronschwimmen los und hält bereits als Kind den Kopf unter Wasser?


Marlene: Ich war 6 Jahre alt, als ich eine Freundin zum Training begleitete. Von da an blieb ich dabei. Es ist schon so, dass man zuerst die klassischen Schwimmbasics lernt. Man trainiert auch alle 4 Lagen (Anm. d. Red.: Freistil, Brust, Schmetterling, Rücken) und geht dann langsam ins Synchronschwimmen über. Man lernt einen Seestern zu liegen, übt Paddeltechniken, die ganzen grundlegenden Dinge. Das Kürschwimmen auf Musik kommt dann im nächsten Schritt.


Michelle: Bei mir war es relativ ähnlich. Ich wollte damals alles machen, von Turnen über Tanzen, Schwimmen bis hin zu Fußball. Meine Eltern wollten aber, dass ich mir eine Sportart aussuche. Eine Bekannte von uns betrieb den Sport, ich schaute es mir an und fand es von Anfang an cool. Es war aber auch bei mir nicht so, dass ich es im Fernsehen sah und mir sagte „Hey, das will ich unbedingt machen“. Man ist da irgendwie reingerutscht und ist dann dabei geblieben.


Und wer hat die Entscheidung gefällt, dass es in diese Richtung gehen soll? War das eure

Entscheidung oder kam das von außen?


Marlene: Der Verein an sich ist schon ein Synchronschwimmverein und kein normaler

Schwimmverein. Aber ich hatte einfach Bock auf das Wasser und war damals schon eine absolute Wasserratte. Ich hatte einfach Spaß mich im Wasser zu bewegen und mehr zu machen, als nur im Sommer im See zu schwimmen.


Wie trainiert man Luft anhalten und mit der Nasenklammer zu schwimmen? Tun die vielleicht sogar weh oder fangen irgendwann an zu drücken?


Michelle: Die tun eigentlich gar nicht weh. Es ist zuerst eine Gewöhnungssache, dass man etwas auf der Nase hat und nicht durch die Nase atmen zu können. Aber das lernt man bereits in jungen Jahren durch Tauchspiele, wodurch gleichzeitig das Schwimmen ohne Brille trainiert wird. Es wird natürlich auch geübt; mit der Klammer zu schwimmen. Es ist nicht so, dass es weh tut oder ungewöhnlich ist. Es gehört halt einfach dazu.



Synchronschwimmen Beine aus dem Wasser
Ohne Nasenklammer nicht zu empfehlen.

Marlene: Man merkt bereits als Kind, dass man sie auch einfach braucht, wenn man lange kopfüber im Wasser stehen will, da es sonst schnell unangenehm wird. (lacht)


Michelle, du hattest deine Karriere eigentlich schon beendet. Warum bist du nochmal

zurückgekommen?


Michelle: Ich hatte damals eigentlich aus fehlender Perspektive in der Nationalmannschaft aufgehört. Ich habe dann für mich die Entscheidung getroffen, dass es ein guter Zeitpunkt ist, sich auf das Studium zu konzentrieren. Nach einem Jahr habe ich es aber ziemlich vermisst und hatte Lust, wieder etwas zu machen. Nachdem die Olympischen Spiele 2020 verschoben wurden, hat Marlenes ehemalige Partnerin (Anm. d. Red.: Daniela Reinhardt) kurzfristig ihre Karriere beendet. So kamen wir also zusammen. Es war für mich der perfekte Moment, da ich ja eh wieder einsteigen wollte und auch merkte, dass ich noch nicht alles erreicht habe, was ich will. Es hat einfach super gepasst, deshalb habe ich mich entschlossen in das Projekt einzusteigen und wieder anzufangen.


Marlene: Meine Partnerin hatte einen Bandscheibenvorfall und konnte sich einfach nicht vorstellen, nochmal ein Jahr dranzuhängen.


Synchronschwimmen Eleganz Grazie
Marlene & Michelle vereinen Ästethik und Eleganz

Wie war das für dich? Ihr hattet ja zusammen bereits sehr lange auf das Ziel Olympia hintrainiert?


Marlene: Das war schon ganz schön heftig. Die Situation war natürlich für alle sehr belastend. Man geht nach dem ersten Lockdown endlich wieder zusammen trainieren und dann kommt so eine Entscheidung, wo ja für mich mitentschieden wird, dass mein Olympiatraum zu Ende ist, da ich keine Partnerin mehr habe. Meine Perspektive war zerstört, die letzten 3 Jahre intensiven Trainings waren speziell auf dieses Ziel ausgerichtet. Von einem Moment auf den anderen heißt es dann: „Nee, für dich nicht“. Das war alles andere als schön.


Wie habt ihr beide dann letztendlich zusammengefunden?



Synchronschwimmen Kunst Acht
No words!

Michelle: Wir kannten uns ja schon vorher, sind seit 2013 zusammen in der Nationalmannschaft geschwommen. Man kennt sich aber auch so, da unsere Sportart in Deutschland relativ klein ist. Es ist wie eine kleine Familie. Letzten Endes wusste meine Heimtrainerin, dass ich wieder anfangen will. Auf einer Trainersitzung kam sie mit der Bundestrainerin ins Gespräch. Meine Heimtrainerin hat mich dann angesprochen und mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. So kamen wir zusammen.

Natürlich wusste jeder von Anfang an, dass es ein hartes Projekt wird, denn in wenigen Monaten so etwas auf die Beine zu stellen, ist schwer. Natürlich spielt auch die Entfernung München - Berlin eine Rolle. Wir waren uns aber alle einig, dass wir es eingehen wollen, Zeit und Geld investieren wollen, damit es klappt.


Du hast eben die Entfernung angesprochen. Ihr pendelt zwischen Berlin, München, Kienbaum und Heidelberg: Wie vereinbart ihr das, auch mit dem normalen Alltag?


Marlene: Wir haben halt alles auf eine Karte gesetzt. Wir haben beide unser Studium

zurückgeschraubt und uns voll und ganz auf dieses Projekt Olympiaqualifikation eingelassen.

Deswegen sind wir sehr wenig zu Hause und dafür umso mehr im Trainingslager. Wir wollen zeigen, dass wir es auch in der Kürze der Zeit schaffen können, geben 100 Prozent und wir rocken das.


Das letzte Qualifikationsturnier sollte Anfang März stattfinden, wurde dann auf Anfang Mai 2021 verlegt und mittlerweile abermals verschoben. Wie ist der aktuelle Stand? Auf welchem Level befindet ihr euch?


Michelle: Einen neuen Termin gibt es noch nicht. Wir werden vorher zur EM fahren und hoffentlich noch an einem World Series Wettkampf teilnehmen. Natürlich war die Stimmung nach der erneuten Verschiebung erstmal nicht so gut, da man ja gezielt auf dieses Datum hintrainiert. Wir haben unser ganzes Leben zurückgesteckt, sei es Familie, Freund oder Studium. Zuerst denkt man: „Puh, nochmal 2 Monate, bis wir wissen ob es klappt“. Letztendlich hat es uns aber gut getan, weil ich glaube, dass wir in den 2 Monaten noch viel aus uns rausholen konnten. Konditionell und krafttechnisch sind wir auf einem guten Level, da wir aber erst seit Oktober zusammen trainieren, ist es noch ein hartes Stück Arbeit, auf eine perfekte Synchronität zu kommen. Die 2 Monate haben uns aber nochmal sehr weit nach vorne gebracht.

Ästethik Synchronschwimmen
Blindes Verständnis: Michelle & Marlene


Und wie läuft die Qualifikation ab? Geht es nach Platzierungen bei Turnieren oder auch über eine Rangliste, wie in anderen Sportarten?


Marlene: In unserer Sportart ist das sehr komplex. Es gibt die Kontinentalregel, das heißt, der Sieger der Kontinentalwettbewerbe (Europameisterschaft, Asian Games etc.), ist gesetzt. Australien und Neuseeland schwimmen das im Rahmen der WM aus. In unserem Fall heißt der Europameister Russland. Zusätzlich erhielten die 2 besten Nationen der WM 2019 Quotenplätze. Die letzten 7 Plätze, werden auf dem Qualiturnier in Tokio vergeben.




Wie geht es für euch sportlich nach Olympia weiter? Welche Ziele stehen noch an?


Michelle: Tatsächlich haben wir noch nicht darüber gesprochen, weil wir uns momentan in einem Tunnel befinden und auf dieses eine Event hinarbeiten. Über das, was danach kommt, denken wir noch nicht nach. Natürlich haben wir beide noch Bock, aber es hängt natürlich auch immer von der Finanzierung und anderen Dingen ab. Wir wollen zu den olympischen Spielen, was danach kommt, müssen wir uns dann überlegen.


Marlene: Das ist wirklich total offen. Wir beide lieben den Sport und sind richtig heiß auf Wettkämpfe und das Ganze drum herum. Es spielen viele Faktoren mit rein und man wird dann sehen, auf welchem Level man weitermacht, oder eben nicht.


Worauf achten Punktrichter beim Wettkampf, außer der Synchronität? Gibt es Tricks, um gewisse Dinge zu kaschieren?


Marlene: Jedes Team hat natürlich Stärken und Schwächen. Wenn ich also mehr meiner Stärken in die Kür einbaue, kann ich dadurch technische Schwächen kaschieren, zum Beispiel durch gute Beweglichkeit.



Synchronschwimmen Kunst
Kunstvoll auch außerhalb des Beckens.

Michelle: Worauf geachtet wird, ist auch sehr komplex. Es gibt nicht nur einen Faktor. Die Sportart ist wirklich rundum komplex und es gibt so viele Dinge, auf die man achten und die man trainieren muss. Der Sport besteht nicht nur aus Synchronität, vor allem ist es körperlich sehr anstrengend durch den Luftmangel, aber auch konditionell und krafttechnisch. Jeder der einmal probiert ein Bein aus dem Wasser zu heben wird merken, dass es gar nicht so leicht ist. Es steckt eine Menge Training dahinter. Die körperlichen Voraussetzungen müssen stimmen, dass man es konditionell durchhält, aber es wird auch viel auf Technik und Kreativität geachtet. Der Faktor, den viele vergessen, sind die Emotionen. Viele fragen sich, warum wir immer lächeln. Es ist ja eine ansehnliche Sportart, daher fließen Emotionen ins Ergebnis der Choreographie mit ein.


Marlene: Das ist gleichzeitig auch die Krux in unserem Sport. Unser Ziel ist es, alles leicht aussehen zu lassen, voller Freude, genau die Musik unserer Kür zu transportieren. Deswegen denken alle, es wäre einfach, aber es IST nicht einfach. Es wird bewertet, wie weit die Beine aus dem Wasser kommen, wie schnell und vielseitig die Bewegungen sind, wie oft man beide Beine oder Arme gleichzeitig aus dem Wasser hat. Das zählt alles mit rein.


Wir drei sind uns einig, dass es ein anstrengender Sport ist, aber gibt es auch Leute, die euch belächeln, eben weil ihr alles so leicht aussehen lasst?


Marlene: Ja, sehr viele.


Michelle: Ich glaube, das ist die Grundeinstellung von vielen, die es nicht kennen oder es nur mal kurz im Fernsehen gesehen haben. Wenn man sich dann aber mit den Menschen unterhält, denen zeigt, was man macht und wie viel man trainiert, dann verschwindet das meist. Man muss mit den Leuten erst ins Gespräch kommen, damit die Anerkennung rüberkommt. Das ist leider sehr traurig.


Marlene: Total! Wir sind auch einfach in der Medienlandschaft viel zu wenig vertreten. Wir freuen uns ja schon fast darüber, wenn Menschen wissen, was Synchronschwimmen ist und dieses Wissen über die Blumenbadekappe hinausgeht. Dann gibt es aber auch die Leute, die gar nicht wissen, was es ist. Die Dozentin einer ehemaligen Mitschwimmerin meinte mal ganz verdutzt, wie man denn zu zehnt Synchronschwimmen betreiben kann, da das Becken doch nur 8 Bahnen hat. Auf so etwas kann man gar nicht ernsthaft reagieren. Da fehlt bereits das Grundverständnis. So etwas ist sehr schade für uns.



Plansch Synchronschwimmen Wasser
Viel mehr als nur Planschen im Wasser...

Was viele dabei gar nicht wissen: Es war ursprünglich ein Sport für Männer und ist erst seit den 1950ern ausschließlich den Frauen vorbehalten. Seit 2015 sind nun auch wieder Männer in Mixed-Wettkämpfen zugelassen. Wie ist eure Meinung dazu? Was haltet ihr von Männern in diesem Sport und wie viele kennt ihr persönlich?


Michelle: Wir finden es super, dass sie dabei sind. Im Moment ist es einfach so, dass sich das Weltbild verändert, in jeder Hinsicht. Es ist ja schon diskriminierend, nur einem Geschlecht zu erlauben, eine Sportart bei internationalen Meisterschaften auszuüben. Von daher war es ein toller Schritt. Es gibt auch in einigen Ländern Männer, die darauf hinarbeiten, mal an den olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. Außerdem bringen sie Frische in den Sport und haben neue Ideen für Hebefiguren oder bestimmte Choreographien, die man sonst nicht gemacht hätte. Es ist einfach eine Bereicherung für unsere Sportart. In Deutschland haben wir mittlerweile 3 Männer, die den Sport betreiben. 2017 nahm Niklas Stoelpel aus Bochum im Mixed an der Weltmeisterschaft teil. Es gibt schon einige, international aber noch viel, viel mehr. Viele junge Nachwuchssportler kommen nun nach und das ist einfach schön zu sehen.


Woher kommt die Überlegenheit der Russinnen in diesem Sport? Im ewigen Medaillenspiegel hat Russland mehr als vier Mal so viele Goldmedaillen gewonnen, wie die zweitplatzierte Nation, die USA.


Marlene: Das ist eine sehr gute Frage, die sich jeder stellt. Man muss einfach sehen, dass die Kinder in Russland sehr früh mit dem Sport anfangen und eine harte Schule durchlaufen. Der Sport hat dort einen anderen Stellenwert. Schulisch bekommt man die Basics vermittelt und ansonsten wird auch in jungen Jahren schon zwei Mal am Tag trainiert. Das aufzuholen, ist unmöglich.


Wie sieht so ein Trainingstag bei euch eigentlich aus und wie viele Stunden gehen für`s Training drauf?


Michelle: An Trainingstagen sind wir auf jeden Fall 8 bis 10 Stunden beschäftigt. Das darf man nicht unterschätzen. Wir stehen auf, frühstücken, gehen eine Stunde in die Turnhalle oder das Fitnessstudio. Danach geht es 2 bis 3 Stunden ab ins Wasser. Nach dem Mittagessen gibt es eine kurze Pause, danach wieder 1 Stunde Landtraining, anschließend wieder 2 bis 3 Stunden Wassertraining. Am Abend folgen dann noch Videoanalysen, Besprechungen oder aktive Recovery.


Aktive Recovery? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?


(beide lachen)


Michelle: Man kann ja auch regenerieren, indem man beispielsweise locker Fahrrad fahren geht oder Dehnungseinheiten einbaut.


Und wie sieht so ein Landtraining bei euch aus? Geht es da eher um Kraft und Athletik oder um die Choreographie?


Michelle: Sowohl als auch. Wir haben Kraft- und Athletiktraining, aber auch Einheiten in der

Turnhalle vor dem Spiegel, wo wir unsere Choreo an Land durchgehen. Wir sind also, was das Training angeht, breit aufgestellt.



Synchronschwimmen Out of the water
Out of the water: Marlene & Michelle

Dann folgt nun auch für euch unsere Abschlussfrage. Wenn ihr einen Wunsch frei hättet für die Menschheit oder den gesamten Planeten: Welcher wäre das und warum?


(überlegen lange)


Michelle: Für die Menschheit würde ich mir Frieden wünschen, nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch, dass jeder frei über sein Leben entscheiden kann und nicht unterdrückt wird. Für den Planeten würde ich mir wünschen, dass alle Menschen verstehen, in welcher Situation wir uns befinden und dass „Fridays for Future“ keine Spaßveranstaltung ist, sondern letztlich jeden betrifft. Genauso muss jeder daran arbeiten, etwas für diesen Planeten zu tun und Arten zu erhalten.


Marlene: Ich kann mich dem zu 100 Prozent anschließen. Der Planet braucht uns. Ich bin mir sicher, dass jeder in der Lage ist, sein Konsumverhalten zu überdenken und effizienter zu gestalten, sodass die Menschheit noch ein paar Jahre länger über den Planeten gehen darf.


Vielen Dank an euch beide, für dieses sympathische Interview. Wir werden euren Weg verfolgen und drücken alle Daumen, dass es mit der Qualifikation für Olympia klappt. Und somit schließt sich unser kleines Interviewbüchlein für heute. Schon bald geht es weiter, also bleibt gespannt!


Fotos: Barbara Liegl (1), Stéphane Guisard

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